Vinyl-Kits – Risikoloses Arbeitsmaterial oder Teufelszeug?
von Redaktion • 16.3.2010 • Kategorie: Wissen • Babypuppen bestellen
Wer kennt sie nicht, die kreisrunde schwarze Scheibe, mit einem mehr oder weniger großen Loch in ihrem Zentrum, deren vom Rand aus zur Mitte hin verlaufenden Rillen unter Einsatz einer entsprechenden Abtastspitze Schallsignale erzeugen? Richtig, die gute alte Schallplatte. Seit 1948 gibt es sie bereits in der Vinyl-Ausführung. Hören Reborn-Künstler hingegen das Wort „Vinyl“, dann denken sie unweigerlich an eines der zahllosen Doll-Kits, die in zunehmendem Maße den Reborn-Markt erfreuen.



PVC ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Schallplatten, Vorratsdosen und Fußbodenbeläge sind nur einige von vielen Beispielen, in denen das Material Anwendung findet

Zum Erhitzen von Vinyl sollte ein extra Ofen verwendet werden und nicht der alltäglich genutzte
Genau genommen ist Vinyl nur die umgangssprachliche Bezeichnung für „Polyvinylchlorid“, dessen Kurzform „PVC“ ist. Und dieses begegnet uns im täglichen Leben auf Schritt und Tritt. So findet es Verwendung in Fußbodenbelägen, Wasserrohren, Fensterrahmen und Dachrinnen. Auch in Form von Lebensmittelverpackungen und Kunstleder-PVC ist omnipräsent.
Pro & Contra
PVC ist bekannt dafür, dass es sich hervorragend einfärben lässt und kaum Wasser aufnimmt, dass es beständig gegen Säuren, Laugen, Alkohol, Öl und Benzin ist. Nicht beständig ist PVC hingegen gegen Ether, Benzol und Aceton. Daher ist es für Reborner wichtig darauf zu achten, dass der zum Abfärben verwendete Nagellackentferner unbedingt frei von Aceton sein muss. Bei Temperaturen von zirka 120 bis 150 Grad Celsius kann PVC verformt werden, was wiederum die Möglichkeit der nachträglichen Formanpassung bietet. Auch können kraftschlüssige Verbindungen oder auch Reparaturen mit Klebstoffen, beziehungsweise durch verschiedene manuelle und maschinelle Schweißverfahren, hergestellt werden.
Doch gibt es auch eine Eigenschaft, welche die einzelnen PVC-Produkte ganz wesentlich voneinander unterscheidet – ihre Flexibilität, auch als Härte und Zähigkeit bezeichnet. Die genannten Beispiele zeigen bereits die mögliche Bandbreite verschiedener Festigkeiten in Abhängigkeit der jeweiligen Anwendungsbereiche. Grundsätzlich unterscheidet man PVC-hart (PVC-U; U = unplasticized) und PVC-weich (PVC-P; P = plasticized). Dabei lässt sich PVC-hart sehr gut und PVC-weich weniger gut spanabhebend (feilen, schmirgeln, sägen) bearbeiten.
Grundsätzlich ist PVC ein Kunststoff, der zunächst spröde und hart ist. Erst entsprechende Zusatzstoffe, so genannte Additive, geben PVC die ihnen jeweils zugedachten physikalischen Eigenschaften wie Temperatur-, Licht-, UV- und Wetterbeständigkeit sowie Elastizität. Additive dienen dazu, das Verarbeiten und die Haltbarkeit zu verbessern. So bedarf es beispielsweise der Zugabe geeigneter Hitzestabilisatoren, um die Verarbeitung von PVC-Paste bei bis zu 240 Grad Celsius, die bei der Kit-Herstellung in der Schleuder entstehen, überhaupt erst zu ermöglichen. Andernfalls fände bereits ab zirka 160 Grad Celsius die Zersetzung unter Abspaltung von Salzsäure statt. Der Zusatz von bis zu 40 Prozent Weichmachern hingegen verleiht dem eigentlich harten PVC-Werkstoff Eigenschaften wie Nachgiebigkeit und Elastizität. Das ist jedoch bei Weitem eben nicht der einzige Zusatzstoff.
Gefahrenmeldung
Doch warum müssen sich eigentlich Reborn-Künstler mit der chemischen Zusammensetzung von Vinyl-Kits auseinandersetzen? Nun, im Februar letzten Jahres erreichte den deutschen Markt die in einem englischen Forum veröffentlichte Meldung, der zufolge eine amerikanische Künstlerin durch die Einwirkung giftiger Dämpfe einen Leberschaden erlitten habe. Die Rebornerin habe die Vinyl-Kits in ihrem heimischen Backofen erhitzt, ohne geeignete Schutzmaßnahmen ergriffen zu haben. Zur Trocknung von Genesis-Farben ist eine Wärmebehandlung bei zirka 135 Grad Celsius notwendig. Die ausgetretenen Dämpfe habe die Künstlerin eingeatmet.
Diese Meldung führte in der internationalen Reborn-Branche zu erheblichen Irritationen. Schnell war die vermeintliche Ursache gefunden: Die teilweise als Weichmacher im PVC eingesetzten Phthalate, in Verbindung mit den nicht eigens für die Anwendung auf Vinyl entwickelten Genesis-Farben und Lösungsmittel seien die Ursache für potenzielle Gesundheitsgefahren.
Ursachenforschung
Viele Anbieter von Reborn-Kits reagierten auf die Meldung mit Bausätzen aus phthalatfreiem Vinyl und speziell entwickelten Vinylfarben. Doch gerade die zunehmenden Hinweise auf die Phthalatfreiheit haben nicht unbedingt Aussagekraft. Denn für die Herstellung von Weich-PVC werden eine ganze Reihe potenziell gesundheitsgefährdender Additive eingesetzt. Darüber hinaus stehen mittlerweile auch einige Ersatz-Phthalate in dem Verdacht, nicht ausreichend getestet und damit potenziell gesundheitsschädlich zu sein. Phthalatfreiheit ist somit nicht zwingend mit gesundheitlicher Unbedenklichkeit gleichzusetzen.
Ohne Panik verbreiten zu wollen, sollten alle eventuellen Gefahrenaspekte ausgeschlossen werden. Derzeit entbehren die Gefahrenhypothesen noch jeglichen belastbaren Nachweis. Seit 2009 beschäftigt sich Asintra in Zusammenarbeit mit dem PVC-Forschungs- und Prüflabor SKZ sowie europäischen Kit-Herstellern in Würzburg damit, entsprechende Prüfszenarien für Vinyl-Kits zu entwickeln. Ziel ist ein Prüfverfahren für mit Genesis gefärbte Vinyl-Kits sowie die anschließende Produktzertifizierung.
Prävention
Zur Sicherheit sollte man das Erhitzen von Vinyl nicht im heimischen Backofen vornehmen, sondern alternativ zum Beispiel in einem Heißlufttischgrill. Es muss stets für ausreichend Frischluft gesorgt sein und am besten atmet man die austretende Dämpfe nicht direkt ein. Dies gilt , wenn für die Trocknung eine Heißluftpistole eingesetzt wird.
Bei jeglicher Art individueller und nicht professionell überwachter Experimente können Gefahren auftreten, die von Laien nur schwer zu beurteilen sind, wie zum Beispiel die Experimentaltechnik, Acrylfarben mit Aktivator als Farbgrundlage zu nutzen, abschließend mit Genesis Matt Varnish zu überziehen und das gesamte Werk wiederum bei rund 135 Grad Celsius über mehrere Minuten zum Trocknen zu erhitzen. Denn im Unterschied zu den für das Erhitzen vorgesehenen und freigegebenen Genesis-Farben gibt es für Acrylfarben kein entsprechendes Testat für die Unschädlichkeit bei Hitzeeinwirkung.
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